Die guten alten Zeiten

Vor langer, langer Zeit, als es noch keine Kalender, geschweige denn Terminkalender gab, da richteten die Menschen ihre Leben nach dem Rhythmus der Natur ein. Im Einklang mit den zyklischen Naturerscheinungen wie Tag und Nacht, Frühling, Sommer, Herbst und Winter organisierten sie ihr Leben. Zeit auf dem lande bedeutete Zeit der Natur. Die Natur, d.h. der Zyklus der Jahreszeiten, von denen die Bestellung der Felder und die Ernte abhingen, bestimmten die Arbeit der Menschen. Gemessen, wenn man so will, wurde die Zeit auf subjektive Art anhand der Generationen, die wichtiger erschienen als irgendein Punkt auf einer chronologischen Zeitlinie.

Die Zeiten änderten sich jedoch und so auch das Zeitbewusstsein der Menschen. Die archaische Auffassung der Zeit als einem Zyklus wurde durch eine lineare Zeitauffassung abgelöst. Letztere ist aufs engste mit dem Christentum verbunden, in dem von Zeit als linearer Erstreckung einer auf den Menschen und seine Geschichte zentrierten, einmaligen Entwicklung: vom zeitlichen Anfang der Schöpfung bis zum Weltende, auszugehen war.

Die Abwendung des Menschen von der kosmisch-naturhaften Zyklik wurde gefördert durch die im Mittelalter sich entwickelnden urbanen Kulturen. Durch das Leben in der Stadt entfernten sich die Menschen immer mehr von dem Rhythmus der Natur und unterwarfen sich den von ihnen selbst geschaffenen Regeln. Das Zusammenleben und die Arbeit in der Stadt erforderten aber genaue Absprachen und eine genaue Zeiteinteilung.

Ende des 12. Jahrhunderts wurde die mechanische Uhr entwickelt. Sie schlug zunächst in den europäischen Klöstern, in denen die Mönche ihre Gebete nach dem Stundenschlag richteten. Die künstliche Einteilung der Zeit in formal gleiche Teile wie Stunde, Minute und Sekunde führte jedoch immer mehr zu einer Mechanisierung der Zeit, dagegen verblassten Wesensunterschiede wie Tag und Nacht, Morgen und Abend. Große Turmuhren schlugen nun die Stunden in den Städten und informierten so über die Zeit. Die Menschen entdeckten, dass durch ökonomischen Umgang mit Zeit das Leben reicher, die Anstrengungen fruchtbarer wurden. Für die Geschäftsleute bedeutete Zeit dementsprechend „Geld“. Zeit richtete sich immer mehr auf die Zukunft. Entwicklung und Fortschritt standen im Mittelpunkt. Im Zuge fortschreitender Technologie schufen die Menschen immer schnellere und intelligentere Maschinen und Roboter, die einerseits ihre Arbeit erleichtern und andererseits ihre Zeit einsparen sollten.

Blickt man auf das Zeitbewusstsein der Menschen zurück, so erkennt man, dass sich eine fundamentale Veränderung vollzogen hat. Bekanntlich lässt sich aber die Zeit nicht zurückdrehen, und so kann in unsere heutigen Gesellschaft auf eine präzise Zeitmessung wohl kaum noch verzichtet werden, damit diese funktionieren kann. Eine Organisation unseres Lebens etwa nach den Jahreszeiten ist in der heutigen Zeit undenkbar.

Was ist Zeit? Schon sehr früh versuchten die Menschen, die Zeit nicht nur praktisch sondern auch theoretisch in den Griff zu bekommen und sie zu definieren.

So finden sich die ersten Ausführungen über Zeit als grundlegender Existenzform neben Raum bei Demokrit und Aristoteles. Letzterer definiert die Zeit als „Maß der Bewegung“ bzw. als „Zahl der Bewegung“, fügt aber hinzu, dass sie als solche nicht ohne die menschliche Seele existieren kann, da nur diese zählen kann. Diese Definition von Zeit ist dadurch zu erklären, dass Zeit der menschlichen Rezeption nur indirekt über die Sinnesorgane zugänglich ist, die Bewegung bzw. die Veränderung von Gegenständen wahrnehmen.

Augustinus hat eine auf den Menschen bzw. das menschliche Leben zentrierte Definition von Zeit. Er sagt in seinen Bekenntnissen (Confessiones, X.27) folgendes: „Die Zeit ist nichts weiter als ein für mich entworfenes Maß an erfülltem Lebenssinn. Deshalb ist sie auch nicht äußerlich messbar“.

Anders definieren die Naturwissenschaften Zeit. Ihr Zeitbegriff ist kognitiv ausgerichtet, denn sie sprechen von einer „objektiven“ Zeit, die genau messbar ist. Die Erforschung der objektiven Zeit ist eng mit der Entwicklung der Astronomie, der Uhr und besonders mit der Entwicklung der theoretischen Physik und ihrer erkenntnistheoretischen Fundierung verbunden. Einstein wies in seiner Relativitätstheorie nach, dass absolute Zeit nicht existiert, und dass Richtung und Metrik der Zeit durch physikalische Vorgänge bestimmt werden.

Die Psychologie hingegen erforscht, wie der Mensch die Zeit wahrnimmt bzw. erlebt. Daher wird in dieser Disziplin Zeit mit „Erlebniszeit“ gleichgesetzt, in welcher der Mensch die Zeitreihe nicht wie eine Linie durchläuft, sondern Zeit in Form diskontinuierlicher Szenen und Ereignisse erlebt. Ausschlaggebend ist hierbei die Intensität des Erlebens. So gibt zum Beispiel ein intensives Erlebnis das Gefühl, die Zeit verliefe schnell, ein langweiliger (das Wort sagt es bereits) Zeitraum hingegen wird als langandauernd empfunden. Die Orientierung in der Zeit geschieht einerseits durch die Einteilung in Vergangenheit (Erinnerung), Gegenwart (Wahrnehmung) und Zukunft (Erwartung) und des weiteren durch die Anpassung an bestehende Periodizitäten wie z.B. Tag und Nacht.

In vielen geisteswissenschaftlichen Zeitbegriffen ist „Lebenszeit“ impliziert. Dieser Zeitbegriff ist, psychologisch gesehen, emotional oder, besser gesagt, semantisch. Zeit wird beispielsweise verstanden als „Auftrag, Sorge, Hoffnung, Sinnerfüllung, rechte Zeit“, d.h. Zeit wird als eine existentielle Dimension interpretiert. In den biblischen Religionen wird Zeit als Attribut des Menschen bezeichnet, für den sie einen konkreten Anfang (Geburt) und ein Ende (Tod) besitzt. Das Wort Zeit bedeutet hierbei das Weltliche, Diesseitige und steht im Gegensatz zum Ewigen, Jenseitigen, dem Attribut Gottes.

Die oben genannten Zeitdefinitionen veranschaulichen wie facettenreich der Begriff der Zeit ist. Sie sollen aber auch als Denkanregungen dienen, wenn wir uns über einen Begriff Gedanken machen, den wir tagtäglich, und zwar immer häufiger in den Mund nehmen, wenn wir zum Beispiel von Zeitdruck, Zeitmanagement oder dem richtigen timing (engl. Entlehnung: Bestimmung und Wahl des für einen beabsichtigten Effekt günstigsten Zeitpunktes) sprechen.


Welche Bedeutung trägt nun der Begriff Zeit in unserer modernen Gesellschaft und wie gehen wir heutzutage mit unserer Zeit um? Zeit, da sie leider immer knapper wird, ist wahrlich zu einem sehr kostbaren Geschenk geworden. Äußerst sparsam und ökonomisch müssen wir mit unserer Zeit umgehen, damit sie uns nicht davonläuft. Wer heutzutage Wer dem lieben Gott die Zeit stiehlt“ oder sie gar „totschlägt“, wird eines Tages von ihr überrollt werden. Wer aber hingegen „mit ihr geht“, den wird sie reich belohnen.

Eine große Gefahr besteht bei diesem Zeitbewusstsein jedoch darin, dass unser Blick stets auf die Zukunft gerichtet ist und viele von uns vollkommen vergessen, dass sie in der Gegenwart leben. Sie sind vielmehr bereit, es morgen zu tun, oder übers Jahr, wenn einmal die Geschäfte besser gehen, wenn ihr Vermögen größer geworden ist, wenn sie ihre neuen Räume bezogen haben und sie am Ziel ihrer Wünsche angelangt sind, bis dann jedoch werden sie ihres Lebens nicht recht froh. Wir sind so sehr auf die Zukunft eingestellt, auf ein entlegenes Ziel, auf das wir ununterbrochen hinarbeiten, dass wir oftmals den Glanz und die Schönheit um uns herum nicht wahrnehmen. Wenn wir dabei so richtig in „action“ sind, fühlen wir uns bestätigt, dann unaufhörliches Tätigsein, unaufhörliches Gefordertsein, die Vorstellung unentbehrlich zu sein, das schmeichelt der Persönlichkeit und macht uns zum Idol des aktiven Menschen. Wir setzen das Leben gleich mit unaufhörlicher Aktivität bzw. Bewegung und haben dabei ganz einfach verlernt, in Phasen der Entspannung und der Ruhe zu leben. Wir sind zu der Fehlauffassung gekommen, dass wir uns immer nur durch die Aktivität aufs neue beweisen und nach außen hin manifestieren können und auch müssen. Dabei brauchen wir sehr häufig den Lärm um uns herum, damit wir unserer inneren Leere entfliehen können. Das Wochenende mit seiner Möglichkeit, nichts zu tun, auszuspannen, sich nur der Ruhe, der Familie, den Freunden, Theater, Kunst oder etwa einem guten Buch hinzugeben, löst Missempfindungen aus, und es ist längst nachgewiesen, dass die Anzahl der Herzinfarkte an den Wochenenden oder den ersten Tagen des Urlaubs erheblich zunimmt.

Für die sogenannten kleinen Dinge im Leben haben wir einfach keine Zeit mehr, dabei sind sie es im Grunde, die das Leben lebenswert machen. Wir haben keine Zeit für unsere Kinder, unseren Ehepartner, für unsere Nachbarn, für ein gemeinsames Essen mit der Familie. Unsere alten und kranken Menschen befördern wir rechtzeitig in ein Altersheim, weil sie uns bei unserer Betriebsamkeit nur ein Klotz am Bein sind. Wir beanspruchen alle Zeit für uns selbst und unsere – ach so wichtigen – Ziele und vergessen dabei, wie schön es sein kann, Zeit mit anderen zu teilen.

Wir neigen dazu, unsere Ansprüche ununterbrochen zu überziehen und geraten dadurch in einen Leistungs- und Zeitdruck, wobei es oft absolut gleichgültig ist, ob wir diejenigen sind, die antreiben oder selbst angetrieben werden. Es erinnert an das Bild einer mechanischen Uhr, die, wenn man sie beim Aufziehen überspannt, nicht etwa schneller oder länger tickt, sondern schlimmstenfalls kaputtgeht. Mit immer schnellerem Tempo suchen wir die hohen Ziele, die wir uns gesteckt haben, zu erreichen, und zwar um jeden Preis; zum Preis unserer natürlichen Umwelt, unserer Mitmenschen und unserer selbst.

Wenn wir uns dann schließlich mit Wehmut an die guten Zeiten erinnern, in denen es doch irgendwie menschlicher und gemütlicher herging, dann ist der Zeitpunkt günstig, dass wir uns einmal darüber Gedanken machen, wie wir selbst mit unserer Zeit umgehen und warum wir denn so oft keine haben.

Vielleicht nimmt sich ja der eine oder andere für das neue Kalenderjahr zum guten Vorsatz, sich selbst und seinen Mitmenschen etwas mehr Zeit zu gönnen. Vielleicht sagt er aber auch: „Heute nehme ich mir eine ruhige halbe Stunde und entspanne mich. In dieser halben Stunde denke ich auch an Gott, um in mein Leben eine größere Dimension zu bringen.“

Antonia Tomljanovic-Brkic

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