Verzicht in der Überflussgesellschaft

Der Verzicht auf materielle Güter, die Beschränkung auf das zum Leben Allernötigste und das Streben nach einem einfachen und natürlichen Leben, derartige Lebenseinstellungen sind nichts Neues und sie sind auch nicht erst das Produkt unserer heutigen Überflussgesellschaft. Eine durchaus asketische Lebensführung kennen wir bereits von den „Hippies“ der Antike, von denen Diogenes wohl als einer der radikalsten anzusehen ist, verbrachte er doch sein ganzes Leben in einer Tonne.

Auch unsere heiligen Vorväter, wie z.B. der Heilige Franziskus von Assisi, haben bereits vorgelebt, was es bedeutet, in absoluter Armut sein irdisches Leben zu verbringen. Und es gab auch bedeutende Frauen, wie die Heilige Elisabeth von Thüringen, die auf ihrer Suche nach Gott auf jeglichen weltlichen Ruhm und Reichtum verzichtete und in Bescheidenheit, Selbstaufopferung und Nächstenliebe ihre Erfüllung fand.

Immer wiedergab es in der Geschichte Aussteiger, die dem hektischen Alltagsleben ihren Rücken kehrten und auf „einsamen Inseln“ das einfache und genügsame Leben suchten. Und dennoch scheint gerade in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft der Wunsch nach Weniger wieder besonders präsent zu sein. Immer häufiger ist vom „Entmüllen des Lebens“ und von „Produktfasten“ die Rede. Auch die „Nachfrage“ nach Alternativangeboten wie Exerzitien, Heilfasten, Meditationskursen und religiösen Wochenenden nimmt stark zu. Urlaub im Kloster scheint derzeit besonders im Trend zu liegen.

Woher kommt aber dieser Ruf nach Vereinfachung und der freiwillige Verzicht auf Luxus? Wohl aus der Einsicht, dass man zum Wohlbefinden nur sehr weinige Dinge benötigt und dass man Glück und Zufriedenheit nicht kaufen kann.

Der Homo consumens von heute mit seinem stets geöffneten Mund, begierig und bereit, alles zu verschlingen, was ihm aufgetischt wird: Informationen, Bilder, Schnaps – er ist träge geworden, träge und müde von dem Ballast, den er mit sich herumschleppt. Was er zum Leben benötigt, sind keine Luxusgüter, die man an jeder Straßenecke kaufen kann, sondern elementare Lebensvoraussetzungen wie Zeit, Ruhe, genügend Platz und gutes Wasser. Der Luxus von heute besteht nicht mehr in ostentativer Verschwendung sondern in der Verminderung, nicht in der Anhäufung sondern im Verzicht.

Aber besteht nicht gerade im Verzicht ein gewisser Lustgewinn? Sind nicht vielleicht frühere asketische Vorschriften, wie etwa das wöchentliche Fasten und die Fastenzeit im Christentum oder die Einhaltung des Ramadan im Islam besonders verfeinerte Formen des Genusses? Der Mensch wird nicht glücklich durch Befriedigung seiner Wünsche, sondern durch Hoffnung auf diese Befriedigung. Wenn er sich durch immerwährende Wunschsättigung keine Hoffnungsperioden gönnt, wenn er sich nicht zeitweise enthält und dadurch die Hoffnung nährt, dann wird die Wunscherfüllung schal, zur Routine und abgeschmackt.

Nach den Worten Hegels ist Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit, ist freiwillige Beschränkung. Für unsere Zeit bedeutet das in erster Linie Selbstbehauptung des freien Menschen gegenüber der Verbraucherideologie.

Antonia Tomljanovic-Brkic
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