Reden ist Silber ...

„Die Tatsache, dass die Menschen mit zwei Augen und zwei Ohren,
aber nur mit einem Mund geboren werden,
lässt uns darauf schließen, dass sie zweimal soviel hören und sehen als reden sollen.“
(Marquise de Sévigné)

Das obige Zitat besagt, dass es nicht sinnvoll ist und dem Menschen nicht dienlich, stets alles von den Lippen zu lassen, was ihm durch den Kopf geht. Der weise Ausspruch lässt sich auch kurz mit dem bekannten deutschen Sprichwort wiedergeben: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“

Es wird viel geredet, viel gesprochen und besprochen, in der Familie, in der Schule, im Beruf, im Freizeitverein, bei Sitzungen, in der Politik und in der Gesellschaft. Es wird über wichtige gesellschaftliche Themen und Belange geredet. Es wird solange geredet und diskutiert bis eine Einigung erzielt ist, bis ein für alle Parteien annehmbarer Beschluss gefasst wird. Reden ist ein unverzichtbares Mittel des Miteinander–Auskommens und die menschliche Sprache ist - neben der Vielzahl an heutigen Kommunikationsmitteln - immer noch das wichtigste Mittel der Kommunikation zwischen den Menschen überhaupt. Tagtäglich sind wir in unserem Leben mit Situationen konfrontiert, in denen es gilt mit Hilfe der Sprache Rede und Antwort zu stehen.



Sprechen lernen

Ich kann mich erinnern, wie wir in der Schule schon sehr früh in der hohen Kunst des Redens geschult wurden, indem wir vor unseren Mitschülern rhetorisch durchdachte Auslegungen vortrugen und miteinander unter Anweisung diskutierten und argumentierten. Reden war nie meine Stärke und mein Herz schlug mir jedes Mal bis zum Halse, wenn ich vor der Schulklasse etwas sagen sollte oder gar ein Referat zu einem Thema halten musste. Zuhause lernten wir beim Essen nicht zu reden und als Kinder wussten wir, dass wir zu schweigen hatten, wenn die Erwachsenen redeten. Sehr unhöflich war es auch, den anderen nicht ausreden zu lassen und ihm beim Reden zu unterbrechen.



Etwas zerreden

Es wird sehr viel geredet. Es wird tatsächlich auch viel nutzloses Zeug erzählt. Vieles werden die Menschen dank Sprache los, was dem Menschen an sich in keiner Weise nützt, höchstens der Person selbst, die redet. Bei solchem „Stammtischgerede“ kommt nicht wirklich etwas Sinnvolles bei herum, es werden vielmehr Ärger und angestaute Frustrationen in der Runde abgebaut. Oft erlebt man es auch, dass so viel über eine Sache geredet wird, dass die Sache irgendwann selbst in den Hintergrund tritt und man nicht mehr um der Sache willen redet sondern um des Reden willens. Das Ergebnis ist: Man kommt zu keinem Ergebnis – die Sache oder das Thema wird zerredet. Wo es an Tiefe und Qualität mangelt, dort kommt Quantität zum Ausdruck.



Über sich und andere reden

Es gibt Mitmenschen, deren liebstes Gesprächsthema sind sie selbst. Diese Menschen reden ständig über ihre eigenen Errungenschaften und Probleme, stellen sich selbst in den Mittelpunkt und gleichzeitig alle anderen in den Schatten. Sehr schnell verliert man dann die Lust, mit solchen Menschen zu sprechen, weil man ja nicht viel zu diesem Gespräch beitragen kann, das im Grunde gar kein Gespräch, sondern vielmehr eine Selbstdarstellung oder ein Selbstgespräch ist. Wirklich peinlich sind Leute, die jede Gelegenheit nutzen, um ihr Urteil über andere auszusprechen und schlecht über diese zu reden. Sie beschäftigen sich den lieben langen Tag mit den Problemen und Fehlern anderer Leute. Übel sind auch Mutmaßungen, die jeder Grundlage entbehren und die dann als übles Gerücht von Mund zu Mund weitergegeben werden. Es ist äußerst unangenehm und peinlich, wenn über andere Menschen in deren Abwesenheit schlecht gesprochen wird.



Miteinander reden

Wenn ich mir ein Urteil über andere Menschen in meiner Nähe mache, so geschieht das stets aus meiner Sicht, aus meiner eigenen Perspektive. Auch wenn ich diejenige Person gut zu kennen glaube, so kann ich manchmal nur Mutmaßungen anstellen, was das Verhalten dieser Person anbetrifft. Die Person in meiner Nähe ist mir stets ein Stück weit fremd. Es ist mir sehr oft passiert, dass ich mir über eine Person mein ganz eigenes Bild gemacht hatte, dieses dann aber nach einem ausgiebigen und offenen Gespräch mit derselben Person komplett anders ausfiel. Miteinander reden ist wichtig, um das Gegenüber kennen zu lernen, seinen Blickwinkel zu verstehen. Miteinander reden ist dann unentbehrlich, wenn es Unklarheiten oder Meinungsverschiedenheiten zwischen Menschen gibt. Ungeklärtes ist und bleibt ungeklärt, wenn Gedanken keine Worte finden, wenn wir nicht die Wahrheit aussprechen, das, was uns auf der Zunge liegt, aus Angst nicht verstanden oder von den anderen angegriffen und verletzt zu werden. Die offene Aussprache und die Suche nach Wahrheit und Klarheit mittels Worte ist so gesund wie eine kalte aber erfrischend-vitalisierende Dusche.



Für sich sprechen

Offene und klare Worte das ist es, was wir für uns selbst und für unser Miteinander benötigen. Offene und klare Worte sprechen für sich. Sie helfen, uns selbst unmissverständlich mitzuteilen und den anderen so zu sehen, wie er tatsächlich ist. Offene und klare Worte sind heilsam, denn sie können Frustration, Resignation und Aggression abbauen, die sich anstauen, wo es an klarer Aus(sprache) mangelt. Offene und ehrliche Worte geben einer Beziehung oder einer Partnerschaft mehr Qualität und Tiefe.

Wir sind von Natur aus mündig, d.h., wir haben ein gesundes Sprachorgan, das uns dazu dient, unseren Gedanken und Gefühlen hörbaren Ausdruck zu verleihen. Unsere Stimme ist unser Werkzeug der Kommunikation mit der Welt. Wir sollten sie überlegt einsetzen und wir sollten den Mut haben, stets Klartext zu sprechen.

Antonia Tomljanovic-Brkic
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