Heimat

Mich hat schon immer das Schicksal von jungen Iren beschäftigt, die zumeist nach Amerika auswandern mussten, weil ihr eigenes Land sie nicht ernähren konnte. Mir kommt dabei auch der Abschied von den Eltern und dem Geburtsort in den Sinn, mit der damals absoluten Gewissheit, diese nie wieder sehen zu können. Ich denke auch an die vielen aktuellen Schicksale von, die alle nur erdenklichen Mühen und Strapazen auf sich nehmen und ihre Heimat verlassen auf der Suche nach einer (besseren) Zukunft. Ähnliche Schicksale haben auch viele Heimatvertriebene erfahren und die Geschichte der Erde ist voll von tragischen Verlusten des Ortes, der einem von Geburt an vertraut war.

Persönlich konfrontiert mit dem Problem des Heimatverlustes wurde ich im Gespräch mit Vertriebenen und Flüchtlingen aus dem Krieg in Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Aufgefallen ist mir während dieser Gespräche, in denen ich überwiegend geduldige Zuhörerin war, dass insbesondere ältere Menschen, denen der Abschied vom Vertrauten, vom Geborgensein, vom Wissen wo man hingehört, offensichtlich besonders schwer fiel, oft stundenlang über ihre Heimat erzählen konnten.

„Heimat ist schlimmer als Durst“ sagt ein Sprichwort und nur wer einmal seine Heimat hinter sich gelassen hat, kennt die Sehnsucht danach. Eine weitere Weisheit besagt, dass jeder Mann vier Dinge in seinem Leben vollbringen muss: Einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, ein Buch schreiben und ein Haus bauen. Mit dem „Haus bauen“ ist vorwiegend gemeint, eine geistige Heimat zu haben, so wie Lebensziele, einen Freundeskreis und Orte der Ruhe und Geborgenheit. „Mein Haus ist meine Welt“, so heißt es im Deutschen und die Engländer nennen es ein wenig vornehmer: „My home is my castle“ (Mein Haus ist mein Schloss). Das Haus oder die Villa, das Appartement, die Hütte lädt ein, ermuntert zum Gespräch, lässt Gemeinschaft zu, fördert Familie, bietet Schutz. Haus und Hof bildeten früher eine Einheit. Wer Haus und Hof verlassen musste, wurde zum Flüchtling, zum Außenstehenden, zum Unsesshaften, zum Fremden.

Diesen Sommer war ich, wie übrigens auch viele meiner Landsleute, in meiner Heimat Kroatien, wo ich fast jedes Jahr meinen Sommerurlaub verbringe. Ich nutze diese Gelegenheit dann immer auch dazu, meine dort lebenden Verwandten, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen – die Großeltern sind bereits verstorben – zu besuchen. Leider schaffe ich es nie, in der kurzen Zeit meines Urlaubs alle Verwandten zu besuchen, denn ihre Zahl ist groß und sie leben an verschiedenen Orten. Außerdem beanspruche ich auch einige Zeit für mich selbst, um auszuspannen von der Arbeit und um die Sonne und die wunderschöne Natur Kroatiens zu genießen.

Obwohl ich nicht in Kroatien aufgewachsen bin, bereitet es mir keine Schwierigkeiten, mich schnell anzupassen und einzuleben, schließlich sind mir ja Sprache und Mentalität über mein Elternhaus vermittelt worden. Als Fremde habe ich mich in Kroatien nie gefühlt, habe ich doch dort meine Verwandten, die mich immer mit offenen Armen empfangen. Ob ich dort jedoch für immer leben wollte und könnte, das ist eine andere Frage, denn schließlich bin ich in Deutschland groß geworden.

Der Urlaub ist wie immer viel zu schnell vergangen. Nun ja, alles was schön ist, geht viel zu schnell vorbei. Der Urlaub ist leider schon zuende und die Arbeit wartet. Und dennoch, als ich nach langer Fahrt gesund und munter wieder in Frankfurt am Main angekommen war, merkte ich ein wenig überrascht, dass ich irgendwie froh war, wieder „zuhause“ zu sein. Geblieben von meiner Heimat ist aber eine sehr schöne Erinnerung.


Antonia Tomljanovic-Brkic

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